Das langersehnte "Interview"

Nachdem ich vor dem 1. Termin am 6. Oktober 2010 glaubte, nochmals einen Antrag ausfüllen zu müssen und sich das Ausdrucken bis Mitternacht - im Internet-Café, weil in ganz Hamburg nach 20 Uhr abends keine Druckertinte mehr aufzutreiben ist - hinzog... schlief ich doch glatt bis 8 Uhr morgens durch, anstatt um 3.00 Uhr aufzustehen. Da war der Flieger natürlich schon weg. Was tun? Gegen 10 Uhr rief ich das Konsulat an. Danach schrieb ich dann eine E-Mail und bekam eine Std. später schon Antwort. Ein neuer Termin musste vereinbart werden. Den schickten sie mir nächsten Tag per E-Mail, ein offizieller Brief sollte per Post folgen. Nun war der 18. Oktober 2010 angesetzt.

Ich checkte sofort Flüge und es gab noch welche für 50,-- EUR. Leider hatte ich dann Panik, dass ich wieder verschlafen würde und überlegte, ob ich einen Abend vorher fliegen (der letzte Flug nach Frankfurt trifft dort um 22.45 Uhr ein) und die Nacht auf dem Flughafen verbringen sollte. Oder ob ich vielleicht mit dem Zug fahre, Abfahrt etwa gegen Mitternacht, Ankunft gegen 5:30 Uhr morgens. Ich buchte dann eine Zugfahrt für die Hinfahrt und einen Rückflug 19.40 Uhr ab Frankfurt, Ankunft 20.40 Uhr in Hamburg. Kosten: 140,-- EUR.

Am Tag vorher packte ich sorgfältigst meine Tasche, sortierte alle Papiere und packte noch eine Decke ein (hatte SP mir gesagt, ich soll 'ne Decke mitnehmen für die Zugfahrt) und ein Kopfkissen und einen Wecker und ein Buch. Oh Boy, als ich total happy, weil weit vor der Zeit, am U-Bahnhof stand, fiel mir ein, dass ich meine Herztabletten vergessen hatte. Und die letzte hatte ich am Morgen genommen. Ich hatte auch nicht schlafen können tagsüber. Nochmal zurückgehen und sie holen war nicht drin, dann hätte ich den Zug verpasst, weil die U-Bahnen spätabends nur alle 20 Min. fahren. emotion Wow, irgendwas MUSSTE ja wieder schief gehen! Total sauer suchte ich mir einen schönen Platz im ICE - ich hatte 1. Klasse gebucht - in einem Grossraumabteil, das ich ganz für mich allein hatte. Nur ganz vorne sass noch ein einzelner Mann, der offenbar die Langeweile einer nächtlichen Zugfahrt mit Alkohol tot schlug. Bei McDo hatte ich mir noch 2 Burger geholt und mein Lieblingswasser und Süssigkeiten (ausnahmsweise) hatte ich auch dabei. Ich war fest entschlossen, NICHT einzuschlafen. Also wickelte ich die Decke um meine Beine und begann das Buch zu lesen: Betty Blue hat geheiratet. Ein anderes hatte ich leider nicht mehr, da ich all meine Bücher bereits entsorgt hatte.

Nach dieser elend langen Zugfahrt - 5,5 Std. - trudelten wir dann in Frankfurt ein. Ich lief erstmal über den Bahnhof, der sehr viel kleiner ist als der Hamburger, sich allerdings - was das Angebot an Läden und Restaurants betrifft - nicht unterscheidet von Hamburg. McCafé und McDo hatten so früh am Morgen schon auf, ausserdem ein Laden, wo man Getränke, Zeitungen, Bier etc. kaufen konnte und ein Zigarettenladen. Zum Rauchen musste man vor die Tür gehen. Es war saukalt in Frankfurt, viel kälter als in Hamburg.

Ich schaute mir dann erstmal den U-Bahn-Plan an und die Haltestelle, wo die U-Bahn abfuhr, die ich nehmen musste. Dann ging ich zurück zu den Schliessfächern. Ich hatte beschlossen, Decke und Wecker und alles, was ich nicht brauchte, ins Schliessfach zu stellen anstatt wie ursprünglich geplant wegzuwerfen. Irgendwelche Elektrik darf man nämlich nicht mitnehmen ins Konsulat, dann wird man sofort abgewiesen.

Ich hatte noch massenhaft Zeit und um die Aufgeregtheit zu bekämpfen, kaufte ich mir ein Bier. Damit ging ich dann in die gegenüberliegende Strasse. Das ist wohl in Frankfurt das Rotlichtviertel, gleich hinterm Bahnhof. Ähnlich wie in Hamburg, nur wir haben zwei, eins am Hauptbahnhof - das ist der "Kleine Kiez" und den eigentlichen "Kiez", der weit weg vom Hbf liegt.

Da stand ich also an einem Tisch vor einem geschlossenen Lokal und sah alle möglichen Leute zur Arbeit gehen oder eben die eher abgerissenen Leute, die wohl Junkies oder Drogendealer waren. Ich stand dort keine 5 Min., da gesellte sich schon ein Mann in meinem Alter mit Zopf und Bier in der Hand zu mir. Wir unterhielten uns ein bisschen und es stellte sich heraus, dass er obdachlos war. Er hatte einen Rucksack und wohl einige Bier dabei. Betrunken war er aber nicht, oder jedenfalls nicht sehr. Er erzählte mir, dass Frankfurt ein übles Pflaster sei und er gerne nach Hamburg wolle. Drei Leute mittleren Alters kamen uns entgegen gestolpert, darunter eine hübsche farbige Frau und als sie uns erblickten, kam sie direkt auf uns zu. Ich dachte, oh Gott, die wollen bestimmt Drogen kaufen oder verkaufen. Aber nix da. Sie plapperte gut gelaunt im breitesten Schweizer Dialekt drauf los, dass sie Touris aus der Schweiz wären und auf der Suche nach einer Disko, die jetzt noch offen habe... wahrscheinlich dachten sie, wir hätten ebenso die Nacht durchgefeiert wie sie und könnten kein Ende finden. So kann man sich täuschen. emotion

Ich verabschiedete mich dann und ging zurück zur U-Bahn-Station. Ich war etwas früh dran, aber lieber zu früh als zu spät. Ab irgendeinem Punkt fuhr die U-Bahn - die eher wie eine Strassenbahn wirkt - auf der Strasse. Ist also tatsächlich eine Kombination zwischen U- und Strassenbahn. Zum Glück hatte ich ein Ticket für 7,-- EUR für die U-Bahn zusammen mit der Bahnfahrkarte gebucht, also brauchte ich mich nicht auch noch um fremde Zonen/Preise zu kümmern. An der Haltestelle der Botschaft stieg ich dann aus. Es sollte rechts rum gehen. Also ging ich da lang. Aber da war - ausser einer Mauer - NICHTS. Kein Eingang, keine Häuser, absolut nichts, ausser dieser Mauer.

Auf der anderen Seite gab es einen Gebäudekomplex, der auf mich wirkte wie eine Kaserne. Rundum mit hohen Zäunen abgesichert, mit Flutlicht ausgestattet usw. Nach ca. 1000 m sah ich dort den Eingang und Sicherheitsleute in schwarzen Uniformen. Ich hielt das Ganze für eine Polizeikaserne oder so was. Denn vergeblich suchte ich nach der US-Flagge. Die war nirgends zu sehen. Das US-Konsulat in Hamburg ist eine hübsche, weisse Villa an der Alster und die Flagge sieht man schon von weitem. Nach genau so was suchte ich dort auch, aber das konnte ich nirgends entdecken. Ich beschloss also, an der "Polizeikaserne" nach der Botschaft zu fragen. Aber da sah ich dann die Schilder, dass es das US-Konsulat war. Vor dem Eingang standen schon viele Leute, in zwei Reihen aufgeteilt. Die eine Schlange war für "Nichtimmigrant-Visas" und die andere für "Immigrant-Visas".

Man musste sich dort anstellen, um an einen Schalter zu gelangen, der die Nummern ausgab. Das funktionierte wie im Strassenverkehr nach dem Reissverschlussprinzip. Alle froren, denn es war saukalt in Frankfurt. Der Wachmann versuchte uns aufzuheitern und scherzte mit uns. Als ich an der Reihe war, wurde ich freundlich auf Englisch begrüsst und: "Ich hoffe, Sie haben Briefmarken dabei, Ms. Soundso, unser Automat ist heute kaputt."

Oh, da war ich aber froh, da ich das Porto - 4,25 für ein Einschreiben - genauso wie passendes Kleingeld dabei hatte. Doppelt hält eben besser. emotion

Danach ging es durch die Sicherheitskontrolle - ich musste den Regenschirm abgeben - und dann in diese Halle mit den vielen Schaltern. Auf riesigen Leucht-Displays wurden die Nummern durchgegeben, welche Nummer zu welchem Schalter kommen sollte. Meine war 602. Es gab einen Foto-Automat - für diejenigen, die noch keine Pass-Fotos hatten -, einen Stand mit Backwaren und Kaffee und den Briefmarken-Automaten - der ja kaputt war.

Nach einer halben Std. wurde ich zu einem Schalter gerufen. Ich sagte, dass ich nicht wisse, welche Papiere sie denn noch von mir brauchen. Ich hatte alle bisher eingereichten Papiere in einem Ordner als Kopie dabei, sowie noch 1-2 Originale, die die aber schon bekommen hatten.

Die Frau gab mir einen grünen Zettel, auf dem stand: "Bringen Sie alle ORIGINAL DOCUMENTS in diese Reihenfolge: BC, MC etc."

Ich sagte ihr nochmals, dass ich nicht wisse, welche Papiere sie wollen, denn wir hätten sie ja schon geschickt. Sie schaute kurz in den dicken Ordner vor sich und sagte: "Oh ja, tehehe, hier sind sie ja alle." Dann rollte sie die Augen. Offenbar hatte sie Null Bock, sich länger als nötig mit mir abzugeben. Auf den grünen Zettel hatte sie "4,25" notiert. Das sollte wohl heissen, ich müsse die 4,25 EUR parat haben.

Ich sollte wieder warten. Danach wurde ich zu einem anderen Schalter gerufen, nach einer weiteren halben Std. Die Frau dort schob mir meinen Antrag hin und sagte, ich müsse dort noch was ausfüllen. Adresse von SP, Beruf, Geburtsdatum, Telefon-Nr. usw.

Da ich die Adresse nicht aus dem Kopf wusste, schrieb ich die Indiana-Adresse hinein. (Sie steht in Wirklichkeit nur 2 cm darüber, aber in der Aufregung schaute ich dort gar nicht hin.)

Sie gab mir einen Umschlag, auf den ich das Porto kleben sollte und sagte, dass der Konsul noch eine Frage hätte bzgl. des Affidavits of Support. Er würde mich aufrufen. Und ihm solle ich dann auch den Umschlag geben. Mein Visum würde mir per Post zugeschickt werden in einem Umschlag, den ich AUF GAR KEINEN FALL öffnen dürfe. Das Letztere hätte ich gar nicht bekommen, wenn ich es nicht vorher schon auf allerlei Foren gelesen hätte.

Danach wurde ich nochmal zum 1. Schalter gerufen. Die Frau hielt mir mein Pass-Foto unter die Nase und fragte, wie alt es wäre. Ich sagte, nicht älter als 6 Monate und sie: "OK, das wollte ich nur wissen."

Dann durfte ich wieder Platz nehmen auf den Bänken, die für über 300 Personen dort hingestellt wurden, sinnierte darüber, wieviel Deutsche wohl schon dort gesessen hatten, während US-Sicherheitspersonal durch die Reihen patroullierte.

23.11.10 15:36

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